Monthly Archives: July 2017

Kenia Reise im Juni 2017

Liebe Freunde und Freundinnen der Bandani Familie in Kenia,

so wahnsinnig habe ich mich darauf gefreut und jetzt ist sie schon wieder vorbei, meine Reise nach Kenia.

Es waren zwei so vielseitige, aufregende, glückliche und wieder einmal herausfordernde Wochen. Ich war ja schon viele Male in Kenia, diesmal war mein Aufenthalt jedoch auch richtig Urlaub. Und ganz besonders war natürlich, mein Aram war diesmal das erste Mal mit dabei.

Zuerst waren wir einen Tag in Nairobi wo wir Glenders Bruder, Ben, getroffen haben. Ben ist ja dank meiner Mutter auf die Uni gegangen und ist Lehrer geworden. Natürlich ist auch das in Kenia keine unkomplizierte Angelegenheit. Lehrer streiken viel und das Gehalt hängt schwer davon ab, wo du angestellt bist. Er arbeitet derzeit zwar, hofft allerdings, bald etwas Besseres zu finden. Ihm geht es aber sehr gut, hat eine liebe Freundin und besucht Glender und die Kinder oft in den Ferien.

Am nächsten Tag wurden Aram und ich von einer Safari Company abgeholt. Es folgten vier atemberaubende Tage in der Masai Mara und am Lake Nakuru. Wir haben sehr viele Tiere gesehen, jedoch waren wir eigentlich noch in der Lowseason unterwegs. Richtig los geht es Anfang Juli, wenn die große Migration von Millionen von Tieren von Tansania nach Kenia stattfindet. Trotzdem haben wir viel gesehen und auch die Camps in denen wir gewohnt haben waren traumhaft. Am Lake Nakuru war ich vor 10 Jahren schon einmal. Damals war der See eigentlich pink, da er von Flamingos bedeckt war. Diesmal war von den pinken Vögeln leider nichts zu sehen. In den letzten Jahren ist der Wasserspiegel so weit angestiegen, dass die Flamingos den See verlassen haben und tausende Bäume rund um den See abgestorben sind. Es war ein sehr trauriges Bild und jeder mit dem wir gesprochen haben sprach von Global Warming.

Nach vier spannenden Tagen ging es endlich weiter nach Kisumu zu Glender, Hillary und den Kindern. Ich kann gar nicht in Worte fassen wir aufgeregt ich war und wie toll es war alle wieder zu sehen. Sofort saß ich mit totaler Selbstverständlichkeit in unserem Wohnzimmer, schlürfte mit Glender Tee und aß Mandazi. Aufgeregt schnatterten wir los und natürlich wurde auch Aram herzlich willkommen geheißen.

Nun habe ich ja auch endlich den kleinen Peter kennen gelernt, Glenders und Hillarys Sohn. Er wurde im August letzten Jahres geboren und ist ein sehr aufgeweckter kleiner Bub, der viel Aufmerksamkeit braucht. Erst mal musste er mich lange mit prüfenden Blicken beobachten, aber Schlussendlich fiel er die Entscheidung, dass er mir vertrauen kann und dass ich eigentlich ganz lustig bin.

Benta ist jetzt schon 12 Jahre alt und das höflichste und liebevollste Mädchen der Welt. Da Diana ja in die Boarding School geht und nicht Zuhause wohnt, ist jetzt Benta das älteste Kind im Haus. Das hat viele Vor- aber auch viele Nachteile. Benta kümmert sich sehr viel um den kleinen Peter und hilft Glender beim Kochen und Putzen. Wenn Diana in den Ferien nachhause kommt, ist das eine Entlastung für Benta. Das älteste Kind im Haus muss am meisten helfen. Benta erzählt mir gerne von der Schule, Ausflügen und von ihren Freundinnen. In der Schule ist sie eine durchschnittliche Schülerin und ihr Lieblingsfach ist „Science“. Benta und ich haben eine ganz innige Verbindung. Ich habe sie damals vor 10 Jahren in einem Waisenhaus kennen gelernt und sie hat mein Leben verändert. Es ist nun eine recht spannende Zeit für mich, da Benta langsam beginnt Dinge und Zusammenhänge zu verstehen und zu hinterfragen. Als sie noch fünf oder sechs Jahre alt war, war ich wohl einfach eine weiße, junge Frau, die oft zu Besuch kam und die sie sehr gern hatte. Jetzt langsam versteht sie aber wer ich bin und kann wirklich erkennen, dass unsere Freundschaft und Liebe eine ganz Besondere ist.

Tasha, die Tochter von Glender und Hillary, ist jetzt schon 8 Jahre alt. Sie ist ein sehr kreatives und phantasievolles Mädchen. Als wir einen Ausflug machten, lud sie mich in ihr Blätterhaus ein und servierte mir in ihrer Blattküche frischen Blättertee im Blattglas.

 

Am Sonntag besuchen wir alle Bentas Familie im Dorf. Ich habe mich sehr darauf gefreut, das Dorf und alle Verwandten wieder zu sehen. Besonders aufgeregt bin ich natürlich, weil Aram diesmal mit dabei ist. Bentas Vater, der ja leider nur sehr schlecht hört und, ich nehme an leicht autistisch ist, begrüßt mich sofort mit festem Handschlag und Umarmung. Danach wird Aram gemustert. Höflich schütteln sie Hände. Ich möchte ein bisschen erklären wer der fremde Mann in Dorf ist, also versuche ich mit meinen Händen zu deuten, dass Aram meine andere Hälfte ist. Als der Vater versteht, gluckst er glücklich auf und auch Aram wird in seine Arme geschlossen. Diesmal bekommt der Vater ein Foto von meinem letzten Besuch im Jänner 2016, in einem Rahmen geschenkt. Als er das Geschenk sieht, strahlt er glücklich und drückt sich den Bilderrahmen an sein Herz.

Das Dorf hat sich nicht verändert. Alles ist beim alten. Man kämpft sich durch Gestrüpp zu den Hütten, es gibt keine Elektrizität und alle wohnen in den gleichen Lehmhütten wie schon immer. Der Wasserhahn, den ich vor einigen Jahren installieren lassen habe, war wieder von unzähligen Sträuchern und Gebüsch umwachsen und nicht mehr sichtbar. Gleich berichtet mir der Vater, dass die Wasserfirma schon wieder das Wasser abgedreht hat. Wenn ich mich an die vielen, unbezahlten Rechnungen vom letzten Jahr erinnere, wundert mich das gar nicht. Ich habe letztes Jahr den Lieben noch eine Chance geben wollen und habe gerade so viel Geld drauf gelegt, dass das Wasser wieder frei geschalten wurde. Dies hat aber wohl nicht lange gehalten. Mein Gedanke war ja eigentlich, dass Bentas Familie mit dieser Wasserleitung Wasser an umliegende Familien verkaufen und sich so quasi selbstständig machen kann. Da jedoch niemand in dem Dorf zur Schule ging und sie von „Business“ so viel wissen wie ich über Schleifenquantengravitation, war das Projekt leider zum Scheitern verurteilt. Ich unterstütze allerdings weiterhin Kinder aus dem Dorf in die Schule zu gehen, sodass sie hoffentlich eines Tages für sich selbst und ihre Familien sorgen können. Andere Familienmitglieder aus dem Dorf gehen fischen, stellen Holzkohle her oder haben andere, vor allem körperlich sehr herausfordernde Tätigkeiten. Ein trauriges Beispiel gibt es auch dazu.

Dalmus, ein Cousin von Benta, erzählt mir, dass sein Bruder vor einem Jahr einen schweren Unfall in einer Goldmiene hatte und dass er nun seit einem Jahr halb gelähmt in deren Hütte liegt. Der Junge muss ins Krankenhaus und Aram und ich sollen helfen. So gehen wir zu deren Haus und besuchen Moses, der schwach und dürr auf einem rostigen Bett mit durchgelegener Matratze liegt. Der Gestank im Raum und um die Hütte herum zieht einem die Lungen zusammen. Moses erzählt, dass er vor einem Jahr in einer Goldmiene verschüttet wurde und es mehrere Stunden brauchte bis man ihn bergen konnte. Seit damals hat er kein Gefühl mehr in den Beinen und liegt auf diesem Bett. Benommen betrachte ich die Situation. Von Hygiene und Bakterien scheint hier keiner eine Ahnung zu haben. Hillary wundert sich besonders über den Gestank und fragt, ob Moses denn auch offene Wunden am Körper hätte. Da drehten ihn seine Verwandten auf die Seite und ich glaube für einen Moment mein Bewusstsein zu verlieren. Moses hat zwei riesige, offene Krater auf dem Rücken. Diese kommen höchstwahrscheinlich durch das lange Liegen. Das Fachwort, so habe ich nachgegoogelt, ist Dekubitus. Der Junge verwest seit einem Jahr langsam, in dieser heissen Hütte, mitten im Busch vor sich hin. Er wird nicht gewendet, sein Rücken bekommt keine Luft, die Laken werden wahrscheinlich nie gewaschen. Es ist heiss, trocken und Fliegen schwirren umher.

Wieder einmal stehe ich fassungslos in diesem Dorf und muss Entscheidungen treffen. Aram ist genauso perplex und überhaupt von der Gesamtsituation und den ganzen Eindrücken überrannt. Zusammen versuchen wir Dalmus zu erklären, dass Moses unbedingt gewendet, die Bettlaken täglich ausgewechselt und die Wunde sauber gehalten werden muss und dass eine Krankenschwester oder ein Arzt kommen muss, um die Wunden zu reinigen. Moses kann nicht einmal aufrecht sitzen, also ist das mit dem Transport ins Krankenhaus nicht so einfach. Im Krankenhaus müssen dann erst alle Tests gemacht werden um festzustellen, ob eine Operation das Gefühl in den Beinen überhaupt jemals wieder herstellen kann. Fragen über Fragen, so viel zu erklären. Aram und ich beschließen, dass wir Dalmus Geld da lassen, sodass er eine Krankenschwester arrangieren kann, die täglich kommt um Verbände zu wechseln. Das Geld sollte für 2 Wochen reichen. Dann wollen wir weiter sehen.

In der Zwischenzeit wird für uns ein Huhn geschlachtet und auf dem einfachen Feuerplatz vor dem Haus vom Vater zubereitet. Aram und ich essen ohne viel zu reden. Tausende Gedanken schwirren durch unsere Köpfe. Als es Zeit für den Abschied ist, schauen wir noch einmal zu Moses hinein, wünschen ihm viel Glück und ein kurzes Gebet wird gesprochen. Dalmus solle sich unbedingt melden, wenn es Neuigkeiten gibt und wenn eine Krankenschwester da war um Moses zu sehen. Bis heute, ca. drei Wochen später, habe ich immer noch nichts gehört. Glender hat mehrmals versucht Dalmus, den einzigen Besitzer eines Telefons, anzurufen, allerdings ohne Erfolg. Ich kann euch nicht sagen, warum hier die Dinge sind so wie sie sind. Ich weiß nicht wie es Moses geht. Ich weiß auch nicht, ob wirklich eine Krankenschwester geholt wurde. Ja, manchmal ist es zum Verzweifeln. Man möchte helfen, aber es funktioniert einfach nicht. Ich wünsche Moses nur das Beste, dass er bald wieder zu Kräften kommt. Ich hoffe von Herzen, dass das „Projekt Moses“ nicht auch so scheitert, wie das Projekt Wasserleitung.

Bevor wir das Dorf verlassen, machen wir ein Gruppenfoto und ein weiteres Gebet wird gesprochen. Erschöpft, müde und verschwitzt kehren wir zum Auto zurück, nur um festzustellen, dass es uns nirgendwo hinbringen wird. Die Batterie ist leer. Stunden später, als es schon Nacht und Stockdunkel ist, sitzen wir im teuersten und fragwürdigsten Taxi meines Lebens in Richtung Kisumu.

 

Am nächsten Tag kam Diana für die Schulferien nach Hause. Ich konnte es kaum glauben, als diese wunderschöne junge Dame vor mir stand. Diana hat sich unglaublich verändert. Sie ist erwachsen geworden. Sie erzählt mir, dass sie ihre Schule liebt, obwohl dort alle so streng sind und dass sie gerne Ärztin werden möchte. In einem Jahr kann sie diesen Wunsch einreichen und wenn ihre Abschlussnoten gut genug sind wird sie auf eine entsprechende Uni aufgenommen.

Zu meinem Erstaunen hat in Kisumu ein KFC, eine Amerikanische Fastfoodkette, eröffnet. Unglaublich wie schnell sich in der Stadt alles verändert. Obwohl ich selbst sonst nie zu KFC gehe, machten wir eine Ausnahme und entführten Glender in die Welt der Amerikanischen Backhendeln. So gerne wollte sie einmal da hin, daher war es uns ein Vergnügen. Ich habe Glender noch nie so genussvoll essen sehen. Was solche Internationalen Riesenkonzerne für die kleinen kenianischen Shops bedeuten, brauche ich wohl nicht zu erläutern.

Und dann war es leider auch schon wieder Zeit uns zu verabschieden. So viele Male musste ich schon da durch. Die letzten Umarmungen, das Versprechen bald wieder zu kommen. Es zerreißt mir alles jedes Mal das Herz.

Von Kisumu flogen Aram und ich an die Küste, nach Mombasa, wo wir noch drei Tage in der Sonne entspannten. An einem Montag kamen wir wieder in London an, am Dienstag waren wir zurück im Büro.

Im August stehen wieder Präsidentschaftswahlen in Kenia an. Es ist nicht einfach vorherzusagen wie sie verlaufen werden. Hillary hat mir jetzt jedoch seine Entscheidung mitgeteilt, dass er während die Wahlen stattfinden, mit Glender und den Kindern aufs Land, zu seinen Eltern, fahren möchte. Wenn alles friedlich verläuft, kommen sie nach ein paar Tagen wieder nach Kisumu zurück. Ich glaube auch, dass dies eine gute Entscheidung ist.

Kisumu war in den Ausschreitungen nach der Wahl in 2007 am schlimmsten betroffen. Sollte es dieses Jahr wieder Konflikte geben, würde Kisumu wahrscheinlich wieder im Mittelpunkt stehen. Die Wahlen 2013 sind einigermaßen ok verlaufen. Hoffen wir alle, dass auch diesmal alles friedlich verläuft.

Das war es auch schon mit meinem Bericht. Wenn ihr Fragen habt, meldet euch bitte gerne jederzeit bei mir. Ich erzähle euch gerne mehr und detaillierter. Ich möchte euch aber auch nicht ewig mit meinen langen Texten überfallen.

Den Kindern geht es wirklich großartig und sie leben in einer sehr liebevollen Umgebung. Dank EUCH ist das alles möglich! Bitte steht uns weiterhin zur Seite, wir brauchen euch!

Tausend Dank, fühlt euch umarmt,

Theresa