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Fliegen, Tee und Dürre

Samstag, 25. Juli 2009

Da sitze ich, mein Körper bedeckt mit Fliegen und formuliere in Gedanken diese Zeilen, welche ich später niederschreiben werde. In meinen Händen halte ich einen Becher mit Tee. Aussehen tut es jedoch wie schmutziges Wasser. Fliegen klettern auf dem Becherrand hin und her. Eine fliegt auf mein Gesicht zu und setzt sich auf meine rechte Augenbraue wo schon eine andere Fliege sitzt. Ich kneife meine Augen zu sodass die zwei davon fliegen. Es ist heiß und trocken. Seit Tagen hat es in der Gegend um Bondo nicht mehr geregnet. Im Fernsehen sagen sie, es herrscht Hungersnot im Land. In Bondo wird bei jedem Schritt Staub und Sand aufgewirbelt. Man kann kaum atmen. Die Sonne sticht. Es ist so hell, dass man kaum die Augen offen halten kann. Die Luft ist trocken. Die Haut wird rissig.

In dem Dorf Uyawi, ca. 30 Minuten mit dem Auto von Bondo entfernt, in dem ich gerade sitze, ist es nicht ganz so schlimm. Vielleicht liegt es daran, dass sich das Haus von Bentas Familie mitten im, von ihnen so bezeichneten, „Busch“ befindet. Es ist wahr. Es ist mitten im Busch. Es gibt hier nur dieses eine Haus, einige hundert Meter davon ein anderes und noch eines. Dazwischen gibt es Felder, Bäume, Erde oder Gestrüpp.

Das Haus ist aus Lehm gebaut, mit einigen Hölzern als Stütze und Blättern für das Dach. Es gibt weder Strom, noch Wasser, noch Betten. Geschlafen wird auf Strohmatten auf dem Boden. Der Boden selbst ist auch aus Lehm, uneben und staubig. Die Wände sind leer und Möbel sind nicht nötig, da es keinen Besitz gibt. Nur ein Tisch steht hier. Zwei Sessel waren schon da, die anderen werden von Nachbarn ausgeborgt. Trotzdem gibt es nicht genügend Sessel. Viele sitzen auf dem Boden oder stehen. Ich muss aber natürlich auf einem guten Sessel sitzen. Selbst wenn dafür der kranke Cousin stehen muss. Ablehnen darf ich nicht. Bestehen erst recht nicht.

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich gerade hier bin. Ich erzähle euch wie ich zu meiner Tasse Tee komme:

Ich bin hier im Dorf Uyawi um mit Bentas Familie über Bentas Zukunft zu sprechen. Nachdem der Vater gehörlos, krank und geistig nicht mehr ganz da ist und die Großmutter blind ist und schlecht hört, sind ungefähr 15 Menschen in der kleinen Hütte versammelt um zu erfahren was meine Pläne sind und über Bentas Zukunft zu entscheiden.

Wie immer, wurde nach dem Eintreten von Gästen in das Haus erstmal gebetet. Die alte Großmutter spricht. Auf Luo. Ich verstehe nur vereinzelte Worte. Die Hütte steht still, jeder versteckt das Gesicht hinter einer Hand und murmelt das Gebet. Ich stand genauso da, in der gleichen Position, murmelte aber nicht. Ich sagte nur das gemeinsame „erokamano“ (danke) und Amen.

Nun setzten wir uns, um den Grund unseres Besuches zu erleutern. Es ist nicht einfach zu kommunizieren. Gott sei Dank hilft mir meine Freundin Glender. Sie ist so geduldig und höflich. Ich verstehe nicht was sie sagt, aber sie ist eine sehr angenehme Person, die sich Zeit nimmt um jedem zu erklären was wir vorhaben. Sie berührt Bentas Vater am Arm, damit er zu ihr schaut. Sie spricht laut, unterstützt was sie sagt mit der Gebärdensprache. Sie spricht sehr deutlich, sodass er auch von ihren Lippen lesen kann. Die Sprache die sie verwendet ist Luo. Der Vater wurde erst Gehörlos als er schon erwachsen war, daher war es schwieriger für ihn die Gebärdensprache zu lernen.

Die Cousinen, Cousins, Onkel, Tanten und Geschwister Bentas hören aufmerksam zu. Ab und zu vernehme ich den Namen einer Stadt, das Wort „Schule“, oder meinen eigenen Namen. Von Zeit zu Zeit wird gelacht. Manchmal wird zu mir geschaut. Manchmal wird genickt, manchmal das Gesicht verzogen.

Glender redet lange mit dem Vater, dieser versteht aber immer noch nicht. Er runzelt die Stirn, fuchtelt mit seiner Hand, verzieht den Mund, spricht undeutlich… Er ist davon überzeugt, dass geplant ist, Benta nach Nairobi zu bringen und dass er sie wohl nie wieder sehen wird. Erklärungen helfen nicht viel. Er versteht nicht, dass wir Benta in unsere Familie, in der nächst großen Stadt aufnehmen wollen und dass er sie sehen kann wann immer er möchte.

Versuchen wir mit den anderen Verwandten zu sprechen! Vielleicht funktioniert das ja besser. Einige kennen Glender und zwei Onkel kennen mich schon lange. Für mich ist nun völlig klar, warum Benta nicht hier leben kann. Momentan ist sie bei einer Tante in Bondo. Aber ob es ihr dort gut geht? Später werden wir erfahren, dass sie nicht zur Schule ging, krank war und kaum zu Essen bekam.

Hier im Busch gibt es gar nichts, keine Mittel, keine Versorgung, keinen Platz. Deshalb wurde sie ins Waisenhaus gebracht, als ihre Mutter starb.

Nach langem Beraten ist nun klar, dass Benta diesen „term“ in der Schule noch fertig machen wird (der endet nächste Woche) und dass sie anschließend für 2-3 Wochen zu ihrer Familie kommen wird, also hier nach Uyawi. Nach dieser Zeit wird sie dann zu uns kommen und mit uns leben. Einmal im Monat und in den Ferien, wird sie zu ihrer „original Family“ nach Nango fahren.

Die Familie ist mit dieser Entscheidung zufrieden. Auch wir sind damit einverstanden. Wir können leider nicht so lange bleiben. Ein Onkel von Benta muss zurück nach Bondo und der Fahrer wartet.

Als wir nun eine Entscheidung getroffen haben, klären wir den Vater auf. Dieser weiß nicht so recht. Es tut mir sehr Leid, dass wir ihn anscheinend sehr verwirren. Aber anders können wir leider nicht handeln. Gegen Ende vertraut er uns jedoch doch. Der liebe, alte Mann hat einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Jedoch nur so lange, bis wir zum Abschiedsgebet aufstehen.

Wir stehen auf, die Großmutter beginnt zu beten, wir verstecken unsere Gesichter oder schließen unsere Augen. Erokamano! Amen!

Als wir durch die Türe wollen, um uns draußen von allen zu verabschieden, höre ich wie sich jemand auf Luo aufregt. Es ist der Vater. Er ist wütend.

„Wie könnt ihr nur meine Tochter übernehmen und dann nicht einmal Tee in meinem Haus trinken? Wie könnt ihr nur gehen ohne zu essen? Geht und kommt nie mehr wieder!“ schreit er laut auf luo, was mir gleich übersetzt wird. Einige Tanten kichern, die Kinder lachen. Manche nehmen es jedoch sehr ernst. Lehnst du in einem traditionellen Haus ab zu essen oder Tee zu trinken, bist du wohl zu stolz und verdienst keinen Respekt. Es gibt keine andere Möglichkeit. Wir gehen zurück in die Hütte und setzen uns wieder an unsere Plätze. Kinder bringen Tee, Becher und Teller mit Reis. Reis mit nichts.

Und hier sitze ich nun, fertige diese Sätze in meinem Kopf an und hoffe sie später gut niederschreiben zu können. Ich mache einen Bissen Reis, dann einen Schluck Tee, damit der Reis besser rutscht. Ich weiß nicht mit welchem Wasser Tee gemacht oder Reis gekocht wurde. Gott sei Dank ist mein Magen mittlerweile schon alles gewöhnt sodass ich mich nicht vor Verdauungsproblemen fürchten muss.

Unter dem Tisch, sitzt ein abgemagertes Kätzchen. Verzweifelt sucht es auf dem steinigen, staubigen, kühlen Boden nach Bröseln, nach Futter, nach irgendetwas essbaren. Ab und zu ist ein klägliches, leises, krankes „Miau“ zu hören. Heimlich lasse ich einige Reiskörner von meinem Teller auf den Boden fallen. Das Kätzchen, es könnte sich in meinen Händen einringeln, so klein ist es, schleppt sich zu mir und isst den Reis. Ich hoffe es hat keiner gesehen. Bentas Cousin liegt nämlich vor mir auf dem Boden. Er hat eine Verletzung auf dem Fuß und liegt daher den ganzen Tag mit Schmerzen auf der Strohmatte. Er ist auf eine Fischgräte gestiegen. Er zeigt mir die Verletzung. Der Fuß ist geschwollen und hat eine sehr schmerzhaft aussehende Wunde auf der Fußsohle.

Ich schaffe es nicht aufzuessen. Das dürfte nicht passieren, aber ich kann diesen Berg trockenen Reis einfach nicht essen. Ich stelle den Teller auf den Tisch. Hillary schaut zu mir, schüttelt unauffällig den Kopf. Das geht nicht. Ich muss noch weiter essen. Ich zwinge mich. Nach einigen Löffeln deutet mir Glender ich solle es bleiben lassen.

Nun sind wir fertig, stehen auf und gehen nach draußen. Lange dauert die Verabschiedung. Wir einigen uns darauf, in den nächsten Wochen voneinander zu hören und dann zusammen zum Kinderamt zu gehen, um unsere offizielle Hilfe eintragen zu lassen. Somit wären wir bzw. ich dann offiziell Verantwortlich für Benta. Das gibt uns Sicherheit und beruhigt auch die Familie.

Nun machen wir uns auf den Weg, zurück nach Bondo um Benta zu sehen. Diana hat schon solch eine Sehnsucht. Und ich auch! Seit fast 10 Monaten habe ich mein Mädchen nicht mehr gesehen.

Ich glaube ich kann meine Gefühle und was ich erlebe ganz gut in Worte fassen. Für die Gefühle aber die ich hatte, als ich meine geliebte Benta wieder sah, gibt es keinen Ausdruck. Egal was ich hier schreibe, es wird nie die Situation treffen. Bentas Gesichtsausdruck, die Mimik, die Freude, als sie uns sah. Wie sie zu mir lief und sich an mich klammerte, als würde sie mich niemals wieder los lassen. Meine Augen waren voller Tränen, ich drückte das viel zu dünne, kleine, magere Mädchen und konnte nicht aufhören ihr Küsse auf ihre Wangen und Stirn zu geben.

Dieses Kind hat ein wunderbares Leben verdient und ich werde alles tun, damit ich ihr dieses schenken kann!